
Wer sich selbst besiegt, der kann das Königreich des Friedens betreten
Krieg und Frieden folgen in dieser Welt endlos aufeinander, obwohl sich fast alle Menschen einen ewigen Frieden wünschen. Der persische Mystiker Rumi erzählt in einer tiefsinnigen Allegorie von dem inneren Kampf der Seele, der in das ewige Königreich des Friedens führt.
Krieg und Frieden, Licht und Finsternis, Tag und Nacht: Wenn solche Gegensätze in den Weisheitslehren erscheinen, meinen sie nicht die stets wechselnden Zustände unserer Welt, die einander bedingen und doch miteinander vollkommen unvereinbar sind. In den gnostischen Lehren bezeichnen solche Begriffspaare zwei verschiedene Welten: einerseits die irdische Natur mit ihrer Polarität und Vergänglichkeit allen Lebens und andererseits die göttliche Ewigkeit, die seelisch-geistige Welt der Vollkommenheit und Unvergänglichkeit. Der berühmte persische Mystiker Dschalal ad-Din Rumi, der im 13. Jahrhundert lebte, nennt diese göttliche Welt auch das Königreich des Friedens. Er beschreibt in der Allegorie vom Hasen und vom Löwen, dass die Seele durch einen inneren Kampf zu diesem Königreich gelangen kann.
Rumi war ein Meister darin, vielschichtig und tiefgründig durch Bilder, Anekdoten, Fabeln und spontane Gedankengänge den Pfad zu beschreiben, der den Wahrheitssucher zu diesem Königreich führt. Er geht wie alle Sufis und Weisen davon aus, dass es in dieser Welt keinen vollkommenen Frieden geben kann, da sie an das Naturgesetz des ständigen Wechsels gebunden ist: Auf den Tag muss die Nacht folgen und wieder der Tag, die Geburt führt unweigerlich zum Tod, und auf jeden Frieden folgt irgendwann ein neuer Krieg.
Auch wenn es heute nicht mehr schwierig ist, dieses Naturgesetz physikalisch zu erklären und die unsichtbaren Schwingungen und Strahlungswirksamkeiten, die damit verbunden sind, zu beschreiben, sind diese wissenschaftlichen Errungenschaften gar nicht nötig, um zu verstehen, dass das Ewige, Vollkommene und Absolute sich in dieser Welt nicht entfalten kann. Jeder Mensch erfährt es am eigenen Leibe und muss nur hinschauen, um es zu erkennen.
Der „Dschihad“ ist der innere Kampf der Seele
Rumi beschreibt in seinem berühmtesten Werk, dem „Mesnevi”, unermüdlich die verhängnisvollen Auswirkungen, die die Gebundenheit der menschlichen Seele an die irdische Natur mit sich bringt. Wenn ein Mensch erfüllt ist vom Streben nach ewigem Frieden und Vollkommenheit, wird diese Welt für ihn zum Gefängnis und die Bindungen an sie zum inneren Feind, der überwunden werden muss. Erst wenn dieser letzte Kampf, dieser innere Krieg erfolgreich beendet wurde, kann die geläuterte, befreite Seele in das Königreich des Friedens eintreten. Solange sie diesen Kampf noch nicht bestanden hat, wird sie immer wieder von den herrschenden Gesetzen bezwungen und verschlungen.
Im Sufismus ist dieser innere Kampf der Seele gemeint, wenn von „Dschihad“ die Rede ist. Dieses Wort, das heute in seiner veräußerlichten Verwendung meistens für islamisches Machtstreben steht und die westliche Welt mit Schrecken erfüllt, bedeutet ursprünglich „sich bemühen – sich anstrengen“ und drückt damit für die Sufis aus, dass nur eine unermüdliche Hinwendung zur göttlichen Liebe und ein dieser Liebe dienendes Leben zum vollkommenen Frieden führen.
Die Allegorie vom Hasen und vom Löwen
Rumi beschreibt den inneren Kampf der Seele in einer scheinbar einfachen Allegorie – in der Geschichte vom Hasen und vom Löwen. Doch er warnt seinen Leser: „Verkauf dein Eselsohr und erwirb dafür ein neues, denn ein Esel kann diesen Vortrag nicht verstehen.” In der Geschichte verbergen sich tiefe Wahrheiten.
„Es grasten wilde Tiere auf einer schönen Wiese. Sie wurden gequält von der Angst vor dem Löwen. Ihr Weideplatz war ihnen verleidet, denn dort lauerte der Löwe, um eines von ihnen zu schlagen. Sie nahmen Zuflucht zu einer List. Sie gingen zum Löwen und sprachen: ‚Wir werden dir jeden Tag Nahrung bringen – was immer du willst.‘”
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